Technologischer Angriff und soziale Revolution

Technologischer Angriff und soziale Revolution: das aktuelle Stadium

Eine Skizze zur Einbettung der neuen Technologien in das Gesamtgeschehen der Innovationsoffensive.

Die Frage nach den neuen Technologien ist die Frage nach der Möglichkeit einer sozialen Revolution, die den Wahnsinn stoppt. Denn die Technologien einer Innovationsproresses sind nicht neutral, nicht „bloß technisch“. Sie sind Kern einer epochalen Innovationsoffensive zur Zerstörung der alten Gesellschaft und der Unterwerfung der Menschen unter ein neues Regime auf neuem historischem Niveau. Wie schon früher in ähnlichen sogenannten epochalen „Umbrüchen“. Das, was wir „Wahnsinn“ nennen, war immer die hierbei angewandte Gewalt bis zu Krieg und Völkermord.

Die Entstehungsgeschichte der neuen Technologien lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Sie sind aus einer Antwort auf die Krise keynsianisch/fordistischer Gewalt hervorgegangen. Fordistische Gewalt: das hieß die Zurichtung der Gesellschaft in all ihren Dimensionen zu einer sozialen Fabrik, die alle Lebensvollzüge zu erfassen trachtete. Im Ursprung stand die „wissenschaftliche Betriebsführung“ von Taylor („Taylorismus“) und Fords Fließband. Sie zerhackten menschliche Arbeit zu gleichförmigen Partikeln, um sie aneinander zu reihen und das Kommando darüber voll ins Management abzuziehen. Nach und nach wurde alle gesellschaftlichen Bereiche bis hin zur Stadtplanung, Wohnungsbau, Bildung, Kultur etc. diesem Fabrikregime unterworfen. Dies war im Kern, das heißt in der rationalen Methode, eine Form sozial-technischer Gewalt. Die extreme Zuspitzung dieser Gewalt zeigte sich in der Art, wie der erste und zweite Weltkrieg der Durchsetzung dieses Konzepts dienten. Darüber hinaus zeigte sie sich in ihren völkermörderischen Qualitäten. Die neue Genozidforschung hat längst Schluss gemacht mit der Vorstellung eines Lord Dahrendorf oder eines Habermas, dass die Genozide atavistisch-barbarischen Rückständen oder Sehnsüchten geschuldet seien. Sie sieht im Gegenteil „Modernität“ oder besser: den Prozess der Modernisierung und der modernisierenden Rationalisierung als Triebkraft, deren historische Avantgarden alles der Vernichtung überantworteten, was sich nicht rationalisieren und homogenisieren ließ.

Die Antwort hierauf war eine Phase sozialrevolutionärer Prozesse, die das gesellschaftliche Fabrikregime aufsprengten und zwar in Ost und West. Sie reichte von den Peripherien über die osteuropäischen „realsozialistischen“ Volkswirtschaften bis in die USA und die europäischen Länder. Sie hatte nicht nur den Charakter einer Kulturrevolution, ausgehend von Rythm n’ Blues, Popmusik bis hin zu den Höhepunkten von Reggae, Janice Joplin und „Ton, Steine, Scherben“. Sie griff das gesellschaftliche Fabrikkommando in allen Bereichen an: von Universität bis zur spätnazistischen Kleinfamilie. Zunächst gehörten dem auch die Anfänge der Informationstechnologien an. Dann aber rochen ihre Protagonisten Geld und Macht. Sie wendeten die Informations-Technologien in eine neue Form sozialen Angriffs um, deren vorläufigen Höhepunkt wir heute erleben. Die amerikanische Federal Reserve (Fed) griff dies auf und katapultierte den Prozess am Vorbild der fordistischen Offensive in einen wahnsinnigen „Tsunami“ der Beschleunigung. Für den Prozess dieser Durchsetzung (spekulativ, die typische Durchsetzungsform des Kapitalismus) flutete sie die Welt mit Geld, genauer: mit den aus innovativen Kredittechniken gewonnenen Geldmitteln. Aus Schulden also, Bankerjargon: „leverage“. Dies endete 2000 und 2008 in den vorausgesehenen und in Kauf genommenen krisenhaften Zusammenbrüchen, die zu weiteren Tsunamiflutungen führte und die Informationstechnologien daraus auch in der Phase 2007 bis 2015 hochrüstete. Wenn heute über die Weltherrschaft von Google, Facebook, Salesforce, Uber und ihrer clusterförmigen Zusammenballungen in Silicon Valley, Boston, Austin/Texas gejammert wird, dann war gerade sie das erklärte Ziel. Im Zuge dieses Prozesses wurden die Kräfte der sozialen Revolution in die Defensive gebracht, deren Tiefe wir heute noch nicht einmal ausgelotet haben.1 Sowie diese Offensive eine Antwort auf die soziale Revolution war, so stellt sich jetzt notwenig auch die Frage nach ihr auf neuer Stufe.

Die Wirklichkeit der Entwicklung der Informationstechnologien bis zum heutigen Zeitpunkt können wir nur dann begreifen, wenn wir uns klar machen, dass man nicht einfach technologische, ökonomische, politische, gesellschaftliche Stränge isolieren und für sich betrachten kann. Sie alle gehören zu einer einheitlichen geschichtlichen Innovationsdynamik. Die im engeren Sinn ökonomische Seite gehört dazu, weil die Erzielung von Gewinnen und der Aufbau ökonomischer Machtpositionen (die mit jedem Innovationsangriff verbundenen Monopolsituationen des „ersten am Platz“) die Investitionsentscheidungen der Akteure leiten. Politische und soziale Aspekte gehören dazu, weil soziale Reaktionen (wie derzeit die Populismen) für die Durchsetzbarkeit eine große Rolle spielen können. Auch die Dynamik ist nicht aus einem Guss, im Gegenteil. Das Auftauchen verwertbarer Neuerungen erscheint meist zufällig, „random“, es folgt selten einer Logik. So entstanden große Schübe innerhalb des Innovationsangriffs aus solchen „Fundstücken“. Einige Beispiele: das Internet, wie schon in „Krisen, Kämpfe, Kriege“ dargestellt, das Smartphone, ein plötzlich auftauchender regelrechter „game-changer“, zwar in systematischer Weiterentwicklung des Internets, aber dennoch in gewisser Weise überraschend. Das kann man daran ablesen, dass Nokia kurz zuvor seine so gut wie serienreife Entwicklung des Smartphones wieder eingemottet hat, bevor es dann schlagartig losging. Pech gehabt, weg vom Fenster. Dazu gehört auch die aktuelle „on-demand“-Hype (vgl. dazu in: „Die Uberisierung der Welt“). Sie beherrscht die aktuelle Dynamik, ist aber auch nicht auf eine zuvor in Gang gesetzte Logik zurück zu führen. Fazit: Der Innovationsangriff propagiert sich also ausgesprochen erratisch, bildet Pfade aus, verfolgt sie nicht weiter, eröffnet überraschend Pfade, die vorher noch gar nicht angetrampelt waren. Rückblickend lässt sich natürlich eine „Logik“ der Pfadbildung ausmachen und „analysieren“. Aber erst nachdem die Geschichte der Innovationsoffensive sie geschlagen hat.

Wenn wir also bestimmte Stränge, Optionen, Pfadbildungen auf der Konferenz thematisieren, dann ist dies nicht unrichtig, muß aber mit dieser Kautele geschehen. Es ist eine Vorgehensweise „idealiter“. Die Wirklichkeit jedoch ist ein komplexer Prozess, in dem die oben genannten technologischen, ökonomischen, sozialen. Stränge verschmelzen und sich verweben. Wirklichkeit ist nur das, was sich verwirklicht und soweit es sich verwirklicht. Dieser historische Prozess ist „singulär“ und kann aus keiner Logik oder Gesetzmäßigkeit hergeleitet werden. Vielmehr kann er letztlich nur im Rahmen einer Vorstellung vom Antagonismus zwischen komplexem technologischen Angriff auf der einen und Resistenzen, Widerständen, Facetten einer sozialen Revolution als Fluchtpunkt der Dynamik auf der anderen Seite dargestellt werden.

So ist es wohl sinnvoll, sich den „technologischen Angriff“, oder besser: die Innovationsoffensive, als eine sich entfaltende und vertiefende Frontbildung vorzustellen, die nicht von einem zentralen Kommando geleitet wird, sondern von den verschiedenen erratischen unternehmerischen Vorstößen. Die Vorstöße im Detail darzustellen, ist an dieser Stelle nicht möglich. Die Konferenzbeiträge stellen schon eine gute Ansammlung von Schlaglichtern dar. Grob kann man der soeben skizzierten Linie folgen. Wenn der über Smartphone vermittelte Zugang zum Internet eine erratische Eröffnung darstellte, so war es auch Googles Einstieg. Die amerikanische Zeitschrift „Wired“, immer am Puls der IT-Bewegung, hat den Ursprung in einem Treffen zwischen den Google-Gründern Brin und Page und dem Venture-Kapitalisten Hal Varian (jetzt Leiter des ökonomischen Stabs bei Google) ausgemacht. Varian sagte, wieso, eine neue Suchmaschine neben yahoo sei langweilig und man bräuchte sie nicht mehr. Darauf erklärten Brin und Page, sie hätten gar nicht die Suchmaschine im Auge, sondern die Leute, die suchen. Varian war elektrisiert und das war der Beginn der wohl bedeutendsten explosiven Entwicklung. Google und facebook machten sich an ihre Bewirtschaftung. Big Data war dann zur Bewältigung der gewaltigen Datenmassen erforderlich und „Cloud-Computing“ (Salesforce, Amazon, IBM, dann schließlich auch SAP) zur Rationalisierung und Hegemonisierung der Beschlagnahme und Enteignung der Daten in die gigantischen Server der genannten Oligopolisten. Als nächster schockartiger Vorstoß schloss Uber 2009 zu ihnen auf, indem es mit einer neuartigen Strategie nach den durch zwei Krisen entwerteten amerikanischen Mittelschichten griff. Dies leitete die Enteignung und Inwertsetzung des Alltagsverhaltens mit einer neuen “on-demand“-Ökonomie ein, die immer weiter ausgreift. Wir stehen damit erst am Anfang einer erschreckenden Entwicklung. Derzeit scheint ein erster Höhepunkt erreicht. Es hat den Anschein, als ob nunmehr auch der Health-Bereich an die Seite dieses Vorstoßes tritt. Das kann man aus den Bewegungen des Venture-Kapitals und der großen Investoren herauslesen. Während dieser ganzen Zeit lief eine von stetigem Wachstum geprägte („inkrementelle“) Entwicklung in den Bereichen der industriellen Fertigung, hier vor allem im personal management. Von der Industrie 4.0 wird derzeit noch viel geredet, sie ist aber noch in den Startlöchern. Das „Internet der Dinge“ befindet sich gleichfalls im Stadium kleiner Vorstöße. Gleiches gilt für die Initiativen zu einer „Smart City“, die allerdings schon jetzt weltweit für Vertreibung „entwerteter“ Menschen sorgt (vgl. der Beitrag dazu).

Wenn man die „Wirklichkeit“ der Entwicklung voll begreifen will, so muss man auch die Krisenhaftigkeit der Innovationsoffensive einbeziehen. Derzeit wirkt sie sich dahin aus, dass das technologisch induzierte Produktivitätswachstum zurückgeht (so jedenfalls die Hauptauguren) und wir am Rande einer Techno-Blase stehen, mit Beeinträchtigungen der Innovations- und Wachstumsdynamik. Die Krise wird als bedeutende Verlangsamung, ja Stillstand im Sinne der „großen Depression“ angesehen. Immer mehr ökonomische Spitzenakteure und Zentralbanken beziehen Vorstellungen von einer „epochalen Stagnation“ in ihre Szenarien ein, wie sie zum ersten Mal Ende der 30er Jahre breit diskutiert wurden. Dies hat damals zweierlei bedeutet: Rückgang der Investitionen bei gleichzeitiger Intensivierung technologischer Vorstöße auf einigen ausgewählten Sektoren. Ohne hier ins Detail gehen zu können, kann zumindest auf soziale und politische Blockierungen verwiesen werden, die auf die weltweite Stagnation reagieren und ihrerseits die Stagnation verschärfen. Hierzu gehören auch die neuen Populismen. Die Populismusforschung behandelt sie als Reaktion der Modernisierungsverlierer. Diese Reaktion kennen wir aus der Geschichte, vor allem der Zeit vor den großen Kriegen. Entwertete alte Mittelschichten sehen ihre überkommene Lebensweise, die gewohnten politischen Formen und ihren „Wertekanon“ getroffen oder zumindest bedroht und verlangen die Rückwende. Im Grunde aber verbindet sich dies mit Ansprüchen auf Teilhabe an den Früchten der innovativen Gewalt und das macht ihre besondere Gefährlichkeit aus. So gehört denn auch die plötzliche Welle der Populismen zur „Wirklichkeit“ der Innovationsoffensive im weiteren Sinn. Die gewalttätige Reaktion auf die „Flüchtlinge“, die ihre Forderungen aus der Entwertung ihrer Lebens- und Arbeitsverhältnisse durch die innovations-induzierten Produktivitätsdifferenzen und die Kriege in ihrem Gefolge in die Metropolen tragen, steht auf demselben Blatt, Diese Zusammenhänge sollen im Workshop „Historische Einbettung“ dargestellt und erörtert werden. Natürlich – und dies ist das Hauptanliegen – auf der perspektivischen Fluchtlinie einer Konsolidierung der „sozialen Revolution“ aus den Facetten des Widerstands und der Kämpfe. Denn nur sie wäre in der Lage, sich der Steigerung des Gewaltpegels und gar der Option von Genoziden entgegen zu stellen. Die Chancen sind, das muss eingeräumt werden, nicht gerade rosig.

1 D. Hartmann, Alan Greenspans endloser Tsunami, Eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht; vergl. auch: Disconnect! Alles & alle zwangsweise vernetzt, www.capulcu.blackblogs.org, 2. Aufl.,