Die Uber-isierung der Welt

Die Uber-isierung der Welt

Uber-isierung, das ist ein aktuell mit großer Wucht von den „on-demand“-Unternehmern entfesselter Schock zur Unterwerfung von Alltagsverhalten und seiner Erschließung als neue Quelle von Arbeit und Wert, in dessen Zentrum Uber agiert.

Es gibt immer Blut an der Wand, wenn eine große neue Welle von Innovationen durchgesetzt wird“, erklärte der Londoner Venture-Kapitalist Fred Destin Anfang dieses Jahres. Er hat Millionen in ein unternehmerisches Projekt der „Uber“-Struktur gepumpt. Destin meint das Blut der von dieser Innovationswelle betroffenen Menschen. Blut in wirklicher und übertragener Bedeutung als Lebens- und Überlebenschance der auf „Uber“ und ähnliche Unternehmen angewiesenen verarmten Unterklassen. So geht denn auch das Blut auf Uber’s Konto, das bei den heftigen Kämpfen gegen dieses Unternehmen vergossen wurde. Und das ist nicht gerade wenig. So haben am 22. März „unbekannte Leute“ ein Uber-Auto in Nairobi nach monatelang wachsenden Spannungen abgefackelt. Schon Ende Februar war ein Auto verbrannt und die Forderung an die Regierung erhoben worden, Uber zu verbieten. In Amsterdam wurden letzten März Uber-Fahrer angegriffen. Die maskierten Männer stoppten das Auto, zerstachen die Reifen und hielten dem Fahrer Hammer und Schlagring unter die Nase. In Rotterdam und den Haag rammten Taxifahrer Uber-Autos und drängten sie von der Straße. In Paris kam es bei derartigen Auseinandersetzung zu Tätlichkeiten, die sogar zu Verurteilungen geführt haben. Die französische Politik steht Uber aufgrund des Drucks von unten mit einer Reihe Uber-feindlicher Regulierungen ablehnend gegenüber, und so führte die Pariser Staatsanwaltschaft eine Razzia bei Uber durch. Das sind nur Schlaglichter auf ein weltweites Kampfgeschehen. Nicht überall mögen Auseinandersetzungen diese Schwelle erreicht haben, aber die Spannungen sind erheblich. Inwieweit hier die Falschen getroffen wurden, weil sie in dieser „blutigen“ Innovation selbst zu den Ausgebeuteten gehören, mag dahinstehen. Denn, durchaus kalkuliert, sind auch von den Ludditen vor 200 Jahren zur Abschreckung ehemals handwerklich tätige Weber angegriffen worden, die sich selbst einen mechanischen Webstuhl hingestellt hatten, um an der industriellen Revolution zu partizipieren. Gegen die Mythen der rechten und linken Fortschrittsapostel in der Regel nicht blind, sondern unter Anwendung sorgfältig kalkulierter, signalgebender Gewalt.

Die „Sharing“-Unternehmer und ihre Sklav*innen

Die Gegenwehr gilt einer Innovationsstrategie, die im Kern des technologischen Angriffs angesiedelt ist und die man sich zentraler kaum denken kann. Es geht in der von Uber angeführten Schockwelle um nichts weniger als um die Zerstörung eines ganzen Spektrums tradierter Formen von alltäglichen beruflichen und privaten Diensten und Gefälligkeiten bis hin zu freundschaftlicher Hilfe und ihre Unterwerfung unter ein verschärftes Kommando von Arbeit und Inwertsetzung. Das wurde anfänglich wohltönend und absichtlich missverständlich „Sharing-Ökonomie“ genannt, inzwischen großteils „On-Demand-Ökonomie“. Die Reorganisation des Verhaltens läuft über die im Innovationsangriff entwickelten Technologien. Über eine App fordert man (darum auch „on-demand“) Transport- und andere Dienste an, die dann auf informationstechnischem Wege über große Server mit spezifischen Algorithmen an Nachfrager*innen vermittelt werden. Verrichtet werden die „Dienste“ dann von den über GPS zugeordneten „Sklave*innen“ -so werden sie inzwischen auch in der „seriösen“ Literatur genannt. Diese „Sklav*innen“ kommen mit ihrem eigenen Arbeitsgerät, z.B. Autos -darum sollen sie angeblich auch „Selbständige“-, um die Leistungen zu erbringen. Uber, das eine Reihe von Varianten auch ohne den Einsatz des eigenen Autos anbietet, um Kritik und staatliche Regulierung abzufangen, betreibt dies unter dem Namen „UberPop“. Ich nenne es aber weiter Uber, weil hier das Schwergewicht liegt. Die „Sklav*innen bestehen zu einem großen Teil aus Menschen der „subprime“ (Unter Standard) -kasten, die durch die Entwertungsoffensiven unter der Führung der amerikanischen Zentralbank (Fed) in die neue Armut getrieben wurden – oftmals aus den nunmehr verarmten und verelendeten ehemaligen Mittelschichten der fordistischen Ära. Und die dann in der „subprime“-Offensive mit seinem Crash im Jahre 2008 nochmals tiefer in die Armut getrieben wurden (Hartmann 2015). Es ist genau dieser Hinter-Grund, auf dem Uber im Jahre 2009 gegründet wurde. Denn jetzt war der ökonomische Druck unausweichlich, der viele zu mehreren Beschäftigungsverhältnissen trieb. Befragungen von On-demand-Arbeiter*innen ergaben, dass sie von ihrer „Hauptbeschäftigung“ ohne einen Zuverdienst auf dem „On-Demand-Sektor“ nicht mehr leben könnten (das gilt auch z.B. Wohnungsüberlassung über Airbnb, wie die Kämpfe etwa in Berlin gezeigt haben). „Das Geheimnis der Uber-Ökonomie ist Vermögensungleichheit“, titelte die Zeitschrift Quartz vor zwei Jahren. Aber die Untersuchungen haben auch ergeben, dass On-Demand-Arbeiter*innen ebenfalls nicht von ihrer Arbeit auf diesem Sektor leben können (grob 75%). Sie sind auf beides oder gar weitere Quellen angewiesen. Dies lässt sich als Ausdruck einer Flexibilisierungsstrategie auf dem Arbeitssektor als ein allgemeines sozialstrategisches Moment der neuen Herrschaft über die Arbeitskraft begreifen -weg von der lebenslangen Hauptbeschäftigung hin zu multiplen Arbeitsverhältnissen.

Kleine Geschichte der „On-Demand“-Welle

Die Entstehung und Entwicklung von „Uber“ ist ein Beleg dafür, wie – in Übereinstimmung mit den geschichtlichen Erfahrungen – erratisch ein komplexer Innovationsangriff seine Bahn auf diversifizierten Pfaden sucht. So war bis in die 2000er Jahre hinein so etwas wie Uber nicht einmal am Horizont sichtbar oder gar angedacht. Zu Beginn der neoliberalen Phase des kapitalistischen Angriffs gab es ein Arbeitspapier über „gesellschaftliche Struktur und gemeinschaftliche Konsumption“ über Car-Sharing. Daraus entwickelten sich lokale Verbrauchsgemeinschaften im sozialen Bereich, wie etwa Baby-Sitting, Hunde- und Katzenbetreuung bzw. Gassigehen. Aus diesen Anfängen machten findige Unternehmer später Sonderentwicklungen wie etwa „Task-Rabbit“, eine lokale Form der Vermittlung von Dienstleistungen aller Art, die im Hausbereich Handwerkertätigkeiten bis Reinigung anfallen, jetzt schon über Internet. Google investierte z. B. in einen Start-up namens „Home Joy“ auf dem Sektor der Hausbewirtschaftung.

Der Durchbruch kam mit der Entwicklung des „Smartphones“. Das war ein regelrechter „game-changer“ in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ein Medium der schöpferischen Zerstörung par excellence, das tradierte kommunikative Zusammenhänge und Verhaltensformen zu zertrümmern und unter dem Kommando der großen Firmen, hauptsächlich facebook, neu zusammen zu setzen begann. „BIG DATA und Cloud Computing“ unterfütterten dies. Es war dann die schockartige Zerstörung der sozialen Zusammenhänge durch den innovativen Angriff aus der Fed, der plötzlich die Einsatzfelder zur Indienstnahme der neuen verarmten Unterklassen als Arbeitssklaven ermöglichte. Das war die Stunde von Uber, Airbnb und anderer On-Demand-Unternehmen. Der Schock aus der Fed wurde in die Phase der großen Krise überführt und mit Hilfe weiterer Geldschwemmen fortgesetzt. In eine neue Phase des technologischen Angriffs also. Mit unglaublich hemdsärmeligen und aggressiven Methoden („dirty tricks“ heißt es dazu in der Presse) trieb das Uber-Management, unter Kalanick die Entwicklung voran. Kalanick schloß damit zu den Leitexemplaren für eine Innovationsoffensive typischen aggressiven Männchen auf, die ähnlich wie Page und Brin von Google, Zuckerberg von facebook, Bezos von Amazon den technologischen oder besser Innovationsangriff als neue Avantgarden und Herren der Welt vorantrieben – auch hier in Analogie zu den Herren der fordistischen Offensive wie Edison, Taylor, Ford, Mannesmann, Rathenau. .

Profite…

Uber’s Marktkapitalisierung, d. h. sein am Wertpapiermarkt erreichter Unternehmenswert liegt inzwischen bei über 60 Milliarden. Das mag an der Börse als Zukunftswert gehandelt werden, hat aber seine reale Grundlage. Uber behält ca. 20% (Uber ist da je nach Lage flexibel) des Fahrpreses ein. Das summiert sich. Verlässliche Zahlen der Profitentwicklung liegen für Uber nicht vor. Aber für seinen sehr viel kleineren Konkurrenten Lyft. Sie rechtfertigen dicke die Bewertungen. Ähnliche Wertschöpfungsspielräume werden auch für Airbnb angenommen Verschiedene Gerichtsverfahren werfen ein Schlaglicht auf die Profitsituation, in denen Uber-Sklav*innen hauptsächlich in Kalifornien und Massachusetts ihre Anerkennung als unselbständige Angestellte zu erreichten suchten. Zur Vermeidung eines solchen Ergebnisses gelang es Uber, einen Vergleich über 100 Mio. Entschädigung zu erreichen. Das sieht nach viel aus, stellte sich aber eher als Zahlung aus der „Portokasse“ heraus. Die gerichtliche Streitwertberechnung Anfang Mai ließ erkennen, dass die vergleichsweise Zahlung eigentlich auf 850 Mio. hätte festgelegt werden müssen. „Es ist beinahe kriminell“ erklärte dazu Joel Unger, ein Uber-Sklave aus der San Francisco-Bay Area, der sein „Bündnis gegen Uber“ über facebook betreibt. Fahrer greifen den Vergleich inzwischen mit der Begründung an, sie seien von ihrer Anwältin aus Gier verraten und verkauft worden. Auf diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass Google Ventures, Menlo Ventures und andere Investoren massiv eingestiegen sind und Goldmann Sachs sich über sein altes Engagement hinaus vor kurzem neu mit etwa $ 10 Mrd. bei Uber engagiert hat.

und die Ausweitung ihrer Quellen

Aber das ist bei weitem nicht alles. Bis Anfang dieses Jahres – mit einem kleinen Knick zum aktuellen Zeitpunkt – strömte das Venture-Kapital wie entfesselt in den ganzen On-Demand-Sektor. Die Herstellungen von On-Demand-Apps und Gründungen von Start-ups nach Uber-und Airbnb-Vorbild schäumen regelrecht hoch. „Ein Uber für alles“ titelte der Guardian Anfang Mai. Gierige Nerds gründen Start-ups auf dem On-Demand-Sektor fast im Stundentakt, besonders im Bereich der Liefer-Dienstleister (in England etwa Deliveroo, Deliver-Hero, in Deutschland Lieferheld und und und). In Mayfair trafen sich dieser Tage Venture-Kapitalisten des On-Demand“-Sektors, um sich darüber auszutauschen, wie sie diesen „Uber-inspirierten Goldrausch“ vorantreiben und weiter ausbeuten, bzw. schürfen können. Silicon Valley reißt inzwischen darüber schon seine Witze: Ein Uber für Suff zu später Stunde? Für „Massage“? Parken? Lehrervermittlung?, Barkeeper?, Brief-zur-Post-bringen? In-Warteschlangen stehen (z.B. für Konzerte, wenn der Herr keine Zeit hat und einen Wartsklaven braucht)? Obwohl – einige davon gibt’s schon. Welche wohl? Schlange stehn z.B. Erraten? „Denkt an irgendeine Dienstleistung, und wenn jemand noch keinen Uber dafür erfunden hat, arbeiten sie wahrscheinlich gerade daran“, sagt der Valley-Beobachter. Das Lachen sollte einem im Hals stecken bleiben. Die Uberisierung der Welt steht gerade am Anfang und die Zertrümmerung der alten Welt auf dem Servicesektor wird Jammern und ungeahntes Elend der Sklav*innen bringen. Und mehr noch der Nicht-Sklav*innen, die in den Reservelagern vor den Pforten auf Zulassung zu einem ordentlichen Sklavenstatus warten oder den Sklav*innen-Status wegen mangelhafter Selbstoptimierung verloren haben.

Das Widerstandsgeschehen ist über die direkten oben geschilderten Angriffe hinaus vielfältig. Es reicht von gut durchdachten Initiativen der Taxi-Fahrer*innen, Blockaden und Maßnahmen zur Entfaltung des Drucks auf die lokalen und überörtlichen Regulations- und Gesetzgebungsorgane bis hin zu Streiks der Uber-Fahrer*innen selbst, wie etwa der gerade zu Ende gegangene Streik der New Yorker Uber-Fahrer*innen gegen eine Ermäßigung der Tarife, die das Maß der Selbstausbeutung und –optimierung der Fahrer*innen unter Druck brachte. Die über die ganze Welt verteilten Kriegsschauplätze zeigen den globalen Charakter der sozialen Konfliktualität. Sie reichen von in der Entwicklung führenden amerikanischen Staaten wie Texas und New York (Druck auf die lokalen Regulierungsgesetzgebung), über europäische Metropolen wie London (Konflikt um die Zahlenbegrenzung der Wagen), Berlin (Verbot von Uber jetzt rückgängig gemacht) bis in die drei Kontinente (vom ältesten Konfliktherd in Rio de Janeiro über Bogota (Registrierungsgesetzgebung) bis Indien (Verbot in Delhi nach Vergewaltigungsvorwürfen gegen einen Uber-Fahrer).

Uber-Regime

All das tut der Uber-Expansion (inzwischen 400 Städte weltweit) und der Uberisierung der Servicebereiche kaum Abbruch. Mit den Uber-Strategien und –Taktiken könnte man Bände füllen, die den Rahmen dieses Beitrags sprengen würden und dem workshop im September vorbehalten bleiben. Erwähnt werden sollte aber, dass Uber gerade eben einen großen Lobby-Angriff vom Feinsten und Teuersten gestartet hat. Er scheint einen regelrechten Anspruch auf eine eigene Gegenregierung zu stellen. Anfang Mai hat Uber ein behördenartig organisiertes Gremium aus VIPs der höchsten Gewichtsklasse gegründet, um gesetzgeberischen Regulierungs- und Gerichtsverfahren auf Augenhöhe zu begegnen. Es wird von David Plouffe geleitet, der Obama zwischen 2011 und 2013 als strategischer Berater gedient und seine Kampagnen geleitet hat. In die Führung des von „Beratungsgremiums“ („advisory board“) hat es Ray LaHood, Obamas früheren Minister für Transportwesen, und Melody Barnes berufen, die zuvor als Direktorin des Beraterstabs für innere Politik im weißen Haus fungiert hatte. Aus Europa wurde die frühere Vizepräsidentin der EU-Kommission Kroes eingestellt. Für Glamour und Adel sorgt die Saudische Prinzessin Reema bint Bandar Al Saud. Einflussreiche weltweit tätige Fachspezialisten vervollständigen das Bild. Uber kann das mühelos bezahlen, man gönnt sich ja sonst nichts. Die programmatische Eröffnungserklärung Plouffes Anfang Mai war im Stil einer Regierungserklärung gefasst. Sie zählt die segensreiche Beschäftigungs- und Investitionsinitiativen Ubers auf und kündigt die Bereitschaft an, beratend in alle Richtungen zu partizipieren. Seriosität 10.0 auf der bis 10 reichenden Seriositätsskala. Aber Arroganz oder gar ein unfreiwilliger Witz? Man mag das belächeln, wenn man sich mental noch sicher in alten Staatsvorstellungen zu Hause fühlt. Den Luxus sollte man sich aber nicht leisten. Denn die alten Staatsformen waren korporatistisch und nicht unwesentlich strukturell am Management der alten Großunternehmen orientiert. Entsprechend fordern Avantgarde-Think-Tanks zur Lösung der Krise eine Umorientierung der Staatlichkeit an den Strukturen und Governance-Strategien der großen IT-Unternehmen. Wir werden über die weitere Entwicklung berichten.

Neotaylorismus, Uber-wachung und weitere Punkte

Die Komplexität des on-demand-Angriffs ist gewaltig. Und er ist, da er sich auf dem Dienstleistungsbereich als dem mittlerweile zentralen Sektor des gegenwärtigen Innovationsangriffs entfaltet, nicht hoch genug zu schätzen. Hier sollen nur einige Schwerpunkte kurz erörtert werden:

1. Uber steht als führender Akteur auf dem On-Demand-Sektor beispielgebend für die Zerstörung eines tradierten Sektors und eine exemplarische Politik der Entwertung von Menschen und ihren Tätigkeiten und der Errichtung eines völlig neuen kapitalistischen Kommandos, beispielhaft und beispielgebend. Dazu gehört die oben schon angesprochene Flexibilisierung und Unterordnung des Alltagslebens unter die On-Demand-Technologien in allen Lebensbereichen. Diese Entwertung kann man auch als eine Form der „Kapitalisierung“ fassen. Sie kapitalisiert zuvor unverwertete im Kompetenz- und Verfügungsbereich der Individuen stehende Gegenstände und individuelles Verhalten zu solchen, die nunmehr „in Wert gesetzt werden, zu „Assets“. Dazu gehören die Gegenstände (Autos, die ja Uber nicht gehören). Dazu gehört vor allem menschliches Verhalten, auf das es zuvor auch keinen Zugriff gab, sondern das der Autonomie der einzelnen Individuen unterstand. Sie werden nunmehr als Verhaltens-Kapital, Wissenskapital und materialisiertes Kapital (Autos etc.) zu Mitteln der Wertschöpfung. Im Grunde genommen setzt dies den Zugriff auf den Häuserbereich fort, der durch die „Subprime-Offensive“ nach 2000 in Wert gesetzt wurde. Damit unterwirft die Strategie zugleich die über große Server organisierten Verhaltenspartikel der Dienstleister*innen unter ein auf von der IT-Ebene aus organisiertes Regime. Hierin liegt eine „Taylorisierung“ neuer Stufe. Taylors Ziel war ja, das Verhalten auf Produktionsebene in derart eng definierte und damit zugleich standardisierte Partikel zu zerschlagen, dass es möglich wurde, sie in seriellen Verhaltensketten (etwa Fließband) zu organisieren und das Kommando und die Kontrolle über die Arbeit „in die Hände des Managements“ abzusaugen. Eine entsprechende Zerstörung bzw. Enteignung von Autonomie wird auf neuem historischem Niveau mit den Technologien der Innovationsoffensive vorangetrieben. Sie ist in gleichem Maße ist unerbittlich. Ein Algorithmus bestimmt, wo du hingeschickt wirst, wie du abzurechnen hast und wie du dich zu benehmen hast, wie das eingebrachte Auto und die Wohnung etc. auszusehen hat. Dadurch wird ein gewaltiger Druck zur Verhaltensunterwerfung auf die Dienstleistenden entfesselt, der nicht nur zur genauen Definition gesollten Verhaltens führt, sondern über Konkurrenzmechanismen enorme Reservoirs an Selbstoptimierung und Selbstrationalisierung erschließt. Du musst selbst herauskriegen, wie du deine Optimierung vorantreibst, um weiter im Job zu bleiben, und damit zugleich deinen Verdienst und die Profitspielräume erweiterst. Wenn Du hinter den Erwartungen zurückbleibst und ein(e) andere(r) es besser macht, Pech für Dich. Zugleich liegt darin eine Zurichtung und Standardisierung des Verhaltens, die in andere Bereiche ausstrahlt. Hier verlinkt sie sich mit den neotayloristischen Strategien der inneren Arbeitsorganisation etwa bei Amazon. Man muß also diesen Beitrag mit demjenigen der AG Amazon Attack

Zusammenlesen. Man kann sich gut vorstellen, dass ein Uber-Sklave sich in den Fahrpausen, an der Ampel etwa, in einen „mechanical turk“ im Dienste Amazons verwandelt.

Diese „Uberisierung“-Strategie in den Servicesektor steht noch am Anfang, sowohl hinsichtlich ihrer Eingriffstiefe in die Subjekte als ihrer Erweiterung und der damit betriebenen sozialen Homogenisierung. Die aber läuft rasant. Sie zielt auf die Übertragung in Bereiche, an die wir als Kinder der überkommenen Lebensweise noch gar nicht denken würden. An Airb&b haben wir uns ja schon gewöhnt, vielleicht auch an die Möglichkeiten der Organisation eines Peer-to-Peer- Kreditwesens. Aber die Berufstätigkeiten mittelständischer Selbsttätiger? Dem Vernehmen nach stehen Initiativen eines „Uber-Legal“, einer Uberisierung der Rechtsberatungsdienstleistungen vor der Tür. „Rechtsanwalt-on-demand-Apps“, sowie „Quicklegal und UpCounsel ebenso wie „medicast-App“ zur Herbeirufung eines Arztes und „Upwork“ zu Beschaffung eines Freelance-Artikelschreibers gibt es schon. Die Welt des Verhaltens wird unerbittlich umgepflügt, ein Ende ist nicht abzusehen.

2. Die tayloristische Erschließung und Rationalisierung auf dem Dienstleistungssektor reinigt Freiheit und Unbestimmtheit heraus. Sie verschließt die Poren (Marx), die kleinen Luft- und Freiräume des noch nicht in Dienst genommenen Verhaltens in tendenziell totalisierender weise. Sie unterwirft Verhalten damit dem Marktgeschehen.. Es ist die technologische Subsumption, besser Unterwerfung von Verhaltens bereich auf neuer historischer Stufe jenseits des Taylorismus/Fordismus..

3. Diese Entwicklung zeigt auch das typische imperialistische Gefälle, das in dem Beitrag über über facebook in Indien exemplarisch ins Bild gerückt worden ist. Diese imperialistische Profil reicht auch hier von den führenden Unternehmen Silicon Valleys und anderer Cluster über einen mittleren Bereich der Er)schließung in Europa bis in die drei Kontinente und ändert sich kontinuierlich in seiner Intensität.

4. Damit intensivieren sich auch die sexistischen und rassistischen Wirkungen. Über die On-Demand-Ökonomie wird ein neues rassistisches und sexistisches Verhältnis auf dem Verhaltenssektor eingeschleift. In verschiedenen erbittert kontrovers geführten Gerichtsverfahren wird derzeit sehr kontrovers ausgehandelt, was sie Frauen und Farbige sich alles bieten lassen müssen.

5. Uber und sein Konkurrent Lyft arbeiten in Konkurrenz untereinander und zu Apple, facebook und google an der Entwicklung IT-gesteuerter fahrerloser Autos. Lyft hat gerade eben zusammen mit General Motors eine Testreihe angekündigt. In der Konsequenz werden Daten in gewaltigem Ausmaß verwertbar, wie zuvor schon in anderen Bereichen. des technologischen Angriffs. Die Einbeziehung von GPS erlaubt Bewegungsprofile und macht den Datenraub besonders gefährlich. Das hat die bisherige Auswertung zu möglichen One-Night-Stands durch Uber gezeigt. Daten von Personen wurden herausgefiltert, die Nachts und im Morgengrauen zwei Fahrten mit ungefähr gleichem An- und Abfahrtsort buchten.

6. Und, ach ja: „Sharing Economy“? Eine Ökonomie der kooperativen gegenseitigen Gefälligkeiten und Dienste? Killefitt! Diese Friede-Freude-Eier (oder amerikanisch „apple-pie“) -Vorstellung wird inzwischen als geradezu peinlich abgetan, die Diskrepanz zwischen rosa Bild und Wirklichkeit ist zu groß. Niemand will so etwas mehr in den Mund nehmen. Als alternative Namen werden neben „on-demand-economy“ auch „matching-economy“ oder oder „gig-economy“ angeboten. Dieter Schlenker, Vorsitzender von Taxi-Deutschland, bietet aus gut sozialdemokratischer Altbackenheit den Titel „Heuschreckenökonomie“ an. Na ja, wir können uns im Herbst ja mal was ausdenken..

AG Uber-Watch